HEISSE TAGE FÜR DEN ARBEITSSCHUTZ

Von Joerg Stottrop

Endlich Sommer, Sonne, Ferienzeit! Doch nicht alle freuen sich über das schöne Wetter. An heißen Tagen kann es schnell vorkommen, dass die Lufttemperaturen in Arbeitsräumen auf sehr hohe Werte ansteigen und die Mitarbeiter darunter leiden. Die Folgen: sinkende Leistungsfähigkeit, eine nachlassende Lust zu arbeiten sowie ein steigendes Unfallrisiko. Viele Beschäftigte fragen sich:

„Habe ich ein Anrecht auf niedrigere Temperaturen in meinem Büro oder meiner Werkstatt?” Die Antwort ist ein klares „Jein”. Einschlägig in dieser Frage ist die Arbeitsstätten-Richtlinie Nr. 6 „Raumtemperaturen”. Sie sagt in Ziffer 3.3, dass „die Lufttemperatur in Arbeitsräumen +26°C nicht überschreiten soll”. Weiter steht dort, dass bei darüber liegenden Außentemperaturen in Ausnahmefällen die Lufttemperatur höher sein darf. Hohe Temperaturen sind bislang in Deutschland leider nicht die Regel, sondern eher eine Ausnahme. Daher kann man daraus keine eindeutige Verpflichtung zu temperatursenkenden Maßnahmen ableiten. Ein Anrecht auf erträgliche Lufttemperaturen kann man aus den rechtlichen Grundlagen also nicht ableiten.

Muss der Arbeitgeber in Bezug auf hohe Lufttemperaturen am Arbeitsplatz also gar nichts machen?

Das geht auch nicht. Nach § 5 Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung erstellen. In diesem Rahmen sind die hohen Temperaturen im Sommer sowie das entsprechende Gegenstück im Winter zu betrachten und zu bewerten. Neben der Lufttemperatur sind dabei weitere Klimaparameter wie Luftfeuchtigkeit, Luftgeschwindigkeit, Wärmestrahlung sowie Faktoren wie Arbeitsschwere, Pausenregelungen sowie der gesundheitliche Zustand der Beschäftigten zu beachten. Fachleute zur Durchführung einer derartigen Gefährdungsbeurteilung sind die Sicherheitsfachkräfte (Sifa) sowie die Betriebsärzte, die in jedem Betrieb vorhanden sind. Sie können dabei von der Berufsgenossenschaft unterstützt werden.

Ausbildung Arbeitsschutzmanagement

Sie können bei der Gefährdungsbeurteilung für hohe Lufttemperaturen folgende Handlungsanleitungen nutzen:

- BGI 7003 Beurteilung des Raumklimas - Eine Handlungshilfe für kleine und mittlere Unternehmen (Nomogramm Luftfeuchte - Lufttemperatur)
- BGI 7002 Beurteilung von Hitzearbeit - Eine Handlungshilfe für kleine und mittlere Unternehmen
- BGI 579 Hitzearbeit: Erkennen - Beurteilen - Schützen
- BGI 7004 Klima im Büro - Antworten auf die häufigsten Fragen, Reihe “Gesund und fit im Kleinbetrieb”


Zur Beurteilung der Hitze in Gebäuden können nach diesen Regelwerken zur gemessenen Temperatur Zuschläge addiert werden. Dies ist der Fall, wenn eine spürbare Luftbewegung fehlt, wenn die relative Luftfeuchtigkeit weit über 30% liegt oder wenn eine isolierende Spezialkleidung wie Schweißerschutzanzug getragen werden muss. So kann aus einer gemessenen Lufttemperatur von zum Beispiel 29°C schnell eine resultierende Arbeitsplatztemperatur von 39°C werden.

Von Hitzearbeit spricht man, wenn zusätzlich zu hohen Lufttemperaturen noch eine belastende körperliche Arbeit und gegebenenfalls eine isolierende Bekleidung hinzukommen, die insgesamt zu einem Anstieg der Körpertemperatur führen. Auch bei kurzzeitiger Wirkung können dadurch Gesundheitsschäden eintreten. Beispiele sind Arbeiten in Stahlwerken am Hochofen, Gießereien, Baustellen, Pizzabäcker, Hähnchenbräter oder Verkehrspolizisten im Hochsommer. Hier sind arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen nach dem Anhang Teil 3 der neuen ArbMedVV Pflicht. Einschlägig dafür ist der Grundsatz G 30.

Im Rahmen von Arbeitsschutzmanagementsystemen - wie etwas OHSAS 18001 - wird das Vorhandensein, die Vollständigkeit und die Qualität von Gefährdungsbeurteilungen von dem Zertifizierer und den internen Auditoren überprüft. Nach der Novelle 2007 der Norm ist sogar eine Priorisierung von Gefährdungen gefordert. Das komplette Fehlen einer Gefährdungsbeurteilung für die hohen Temperaturen im Sommer würde sicherlich vielen Auditoren auffallen. In einem externen Audit würde dies als sogenannte „Abweichung”, „Feststellung” oder „Non-Conformity” festgehalten. Als Korrekturmaßnahme ist dann eine derartige Gefährdungsbeurteilung fach- und sachgerecht durchzuführen.

Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung sind konkrete Schutzmaßnahmen gegen die hohen Lufttemperaturen. Doch welche können dies sein?

Im Arbeits- und Gesundheitsschutz wird zwischen technischen, organisatorischen und personenbezogenen Schutzmaßnahmen unterschieden. Man kann auch sagen, der Arbeitsschutz muss TOP sein. Die technischen Maßnahmen sollen bevorzugt durchgeführt werden.

Technische Maßnahmen gegen Überhitzung

- Fest installierte Klimaanlage
- Mobile Klimaanlage
- Tischventilator
- Außenliegende Jalousien, Markisen, Wärmeschutzgläser.

Für einige wenige Tage im Jahr ist eine teure Klimaanlage für Büros sicher nicht immer zu rechtfertigen. Auch sind hier Nebenwirkungen wie Lärm- oder Geräuschbelastung sowie Zugluft zu beachten. Eine Differenz von maximal 6 - 8 K zur Außentemperatur ist unbedingt einzuhalten, um Erkältungen durch Klimaanlagen zu vermeiden.

Am einfachsten ist sicherlich ein Tischventilator, der eine Kühlung durch Schweißverdunstung bewirkt. Außenjalousien sind optimal in der Planungsphase eines Gebäudes zu berücksichtigen. Eine Nachrüstung ist möglich. Außenjalousien, Rollos sind regelmäßig zu reinigen und zu warten, damit sie im Sommer bei Bedarf auch tatsächlich ihre Funktion erfüllen können.

Organisatorische Schutzmaßnahmen gegen Überhitzung
- Zusätzliche Wärmequellen durch nicht benötigte elektrische Geräte reduzieren

- Lüftung

- Arbeitszeiten entsprechend der hohen Temperatur anpassen
- Früher mit der Arbeit beginnen
- Gleitzeitregelungen
- Längere Pausen ermöglichen
- Häufigere Pausen machen
- Arbeit mit nach Hause nehmen, wo es möglich ist,

- Körperlich anstrengende Arbeiten vermeiden, in die frühen Morgenstunden oder späte Abendstunden verlegen,

- Reduzierung der Aufenthaltszeit in Bereichen besonders hoher Lufttemperatur.

PCs, Drucker, Scanner, Leuchten, Maschinen, Fahrzeuge erzeugen eine zusätzliche Wärmelast. Bei sommerlich hohen Lufttemperaturen in Büros, Werkstätten oder Werkshallen kann man sich möglicherweise darauf verständigen, manche, genau definierte Arbeitsmittel nur zu bestimmten Zeiten anzuschalten und so den zusätzlichen Wärmeeintrag zu reduzieren.

Viele kurze zusätzliche Pausen haben einen größeren Entlastungseffekt für den Körper als wenige lange Pausen. Die Anzahl der Pausen sollte bei sehr hohen ständig erhöht werden. Bei Dauer-Temperaturen von über 35 °C sollte man pro 60 Minuten Arbeitszeit bereits zwei mal 15 Minuten Pause in kühleren Bereichen einführen.

Eine regelmäßige Querlüftung - insbesondere in den frühen Morgenstunden bei noch kühler Außenluft - ist die wirksamste Lüftungsmaßnahme, sieht man einmal von einer technischen Dauerlüftung ab. Querlüftung bedeutet, dass gegenüberliegende Fenster und Türen kurzzeitig weit geöffnet werden. Sie ist einer Stoßlüftung (nur Fenster auf) und einer Spaltlüftung (ständig ein Fenster „auf Kipp”) vorzuziehen.

Was kann außerdem speziell bei Arbeiten im Freien an heißen und sehr heißen Tagen getan werden?

- Bereitstellung von Getränken (Wasser, ungezuckerte Tees, keine Cola!) bei Arbeiten in großer Hitze
- Die Führungskräfte sollen darauf hinwirken, dass alle Beschäftigten die notwendige Flüssigkeitsmenge (mehr als 1 - 2 Liter) zu sich nehmen.Notfallplan Unfall
- Für Pausen schattige Plätze schaffen.
- Bei Temperaturen von über 35 °C im Schatten stündlich Kurzpausen von 5 - 10 Minuten vorsehen.
- Bei fortgesetzt sehr heißem Wetter: Der Vorgesetzte prüft, ob die Möglichkeit besteht, sehr schwere Arbeiten auf die frühen Morgenstunden zu legen.
- Bei extremsten Hitzewetter: ggf. Durchführen einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung nach dem Grundsatz G 30 “Hitzearbeiten
- Geeignete Sonnenbrillen tragen, die auch gegen Strahlung von der Seite schützt.
- Benutzen von Sonnenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor (UV A und UV B) vor UV-Strahlung
- Verbot der Arbeit mit nacktem Oberkörper wegen UV-Strahlungsbelastung. Tragen von leichter Kleidung sowie entsprechender Kopfbekleidung
- Leistungsabfall des menschlichen Körpers bei Temperaturen über 25 °C bei der Arbeitsplanung berücksichtigen.

Personenbezogene Schutzmaßnahmen gegen Überhitzung

  • Ausreichend Flüssigkeit trinken (Wasser oder ungesüßte Tees, bis zu 2,5 Liter pro Tag)
  • Bekleidung anpassen, ggf. Krawattenzwang lockern, leichtes Schuhwerk
  • Kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen oder kühlende Tücher verwenden oder bei sehr hohen Temperaturen kalte Fußbäder.

Sehr kalte Getränke sollten ebenso wie stark koffeinhaltige oder alkoholhaltige Getränke an heißen Tagen gemieden werden. Häufiges Kaffeetrinken schadet an heißen Tagen mehr als es nützt. Sehr kalte Getränke belasten den Kreislauf unnötig und führen zu einer weiteren Wärmeproduktion des Körpers, so dass sie - im Gegensatz zu den Aussagen der Werbung - bei hohen Temperaturen eher kontraproduktiv sind. Last but not least sollte darauf hingewiesen werden, dass man bei hohen Temperaturen auf schwere Mahlzeiten ebenfalls verzichten sollte. Leichte Kost ist zu bevorzugen.

Über die organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen sind interne Schulungen sinnvoll, so dass sich Führungskräfte und Mitarbeiter darüber verständigen können, welche Schutzmaßnahmen wann und wie angewandt werden können. Wer die Gefährdung durch höhere Temperaturen richtig einzuschätzen weiß und wer auch die richtigen Schutzmaßnahmen kennt, kann sie besser anwenden und so die Belastungen auf ein erträgliches Maß reduzieren. Nur durch eine sinnvolle Absprache und Koordination der Maßnahmen entfalten sie ihre Wirkung.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen auch dieses Jahr einen richtig schönen Sommer!

Ihr Jörg Stottrop
Sicherheitsfachkraft

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4 Responses to “HEISSE TAGE FÜR DEN ARBEITSSCHUTZ”

  1. Bin zwar kein Unternehmer - aber die Tipps helfen auch mir weiter.

    #58
  2. Roland Bayer

    das hilft uns wenig,ist alles nur auf die sesselpupser orientiert.
    (Tischventilator ,mobile klimaanlagen).was ist mit denen,die das geld dafür verdienen?die müssen schwitzen!!!!

    #165
  3. Heiko Janßen

    Moin Herr Stottrop, beim Stöbern bin ich auf Ihren Artikel “gestoßen”. Schönen Dank für die Infos und schöne Grüße aus dem hohen Norden. Heiko Janßen (ehemals TÜV Saarland)

    #171
  4. Jörg Stottrop

    Was kann man bei Arbeiten im Freien an heißen und sehr heißen Tagen tun?

    - Bereitstellung von Getränken (Wasser, ungezuckerte Tees, keine Cola!) bei Arbeiten in großer Hitze
    - Die Führungskräfte sollen darauf hinwirken, dass alle Beschäftigten die notwendige Flüssigkeitsmenge (mehr als 1 - 2 Liter) zu sich nehmen.
    - Für Pausen schattige Plätze schaffen.
    - Bei Temperaturen von über 35 °C im Schatten stündlich Kurzpausen von 5 - 10 Minuten vorsehen.
    - Bei fortgesetzt sehr heißem Wetter: Der Vorgesetzte prüft, ob die Möglichkeit besteht, sehr schwere Arbeiten auf die frühen Morgenstunden zu legen.
    - Bei extremsten Hitzewetter: ggf. Durchführen einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung nach dem Grundsatz G 30 “Hitzearbeiten
    - Geeignete Sonnenbrillen tragen, die auch gegen Strahlung von der Seite schützt.
    - Benutzen von Sonnenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor (UV A und UV B) vor UV-Strahlung
    - Verbot der Arbeit mit nacktem Oberkörper wegen UV-Strahlungsbelastung. Tragen von leichter Kleidung sowie entsprechender Kopfbekleidung
    - Leistungsabfall des menschlichen Körpers bei Temperaturen über 25 °C bei der Arbeitsplanung berücksichtigen.

    #177

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Der Autor

Name: Joerg Stottrop

Bio: Jörg Stottrop ist ausgebildete Sicherheitsfachkraft und verfügt über eine langjährige Erfahrung als selbstständiger Unternehmensberater in den Bereichen Arbeitsschutzmanagement, Umweltmanagement und Qualitätsmanagement. Herr Stottrop ist zudem Herausgeber eines Infodienstes für Betriebssicherheit. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeits- und Risikomanagementsysteme, Gefährdungsbeurteilungen nach ArbSchG und GefStoffV.

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