Prüfmittelmanagement – Prüfmittel sinnvoll kalibrieren!

Von Reinhold Kaim

Falls Sie Ihrer Bürgerpflicht als Wehrpflichtiger oder Zeitsoldat nachkommen konnten, erinnern Sie sich gegebenenfalls noch an den Begriff des „Kaputtwartens bzw. -pflegens”. Falls nicht, können Sie nachfolgende Begriffsbedeutung in einem nicht ganz ernst gemeinten Bundeswehr-Lexikon nachlesen: „Auf Grund der chronischen Beschäftigungslosigkeit innerhalb der technischen Truppe kommt es immer wieder vor, dass auch technisch einwandfreie Fahrzeuge und Geräte ständig auseinandergenommen und wieder zusammengebaut werden, bis sie irgendwann tatsächlich kaputt sind.” Diese Auswüchse begrenzen sich jedoch nicht ausschließlich auf das Militär. Gerade im Bereich der Prüfmittel passiert ähnliches. Manche Prüfmittel werden tatsächlich „kaputtkalibriert”, d.h. sie werden häufiger kalibriert als für Prüfungen genutzt. Wie Sie dies vermeiden, lesen Sie in diesem Praxisbericht.

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SO IDENTIFIZIEREN SIE IHRE ZU KALIBRIERENDEN PRÜFMITTEL

Bei dieser Identifizierung hilft uns die freie Enzyklopädie Wikipedia mit folgender Begriffsbestimmung weiter: „Prüfmittel sind Messgeräte oder Vorrichtungen, die in einem Produktionsprozess zur Sicherstellung der Produktqualität eingesetzt werden. Beispiele für Prüfmittel sind Maßstäbe (DIN 865, DIN 866), Messschieber (DIN 862), Messschrauben (DIN 863), Messuhren, Feinzeiger, elektrische Messtaster und Lehren. D.h. jedes Messmittel kann nach dieser Definition ggf. ein Prüfmittel sein. Andere, z.B. als Testhilfsmittel gekennzeichnete Messmittel, unterliegen nicht der Kalibrierung.qm_0410_s4_11

PRÜFMITTEL KÖNNEN SICH AUCH IM PROZESS „VERSTECKEN“
Häufig wird übersehen, dass Prüfmittel automatisiert
bei „In-Prozess-Prüfungen“ zur Anwendung kommen:
So ist z.B. eine Druckmessdose zur Gewichtsmessung, die CNC-gesteuert Mischungen von Komponenten abwiegt (welche danach nicht nochmals geprüft werden), eindeutig ein überwachungspflichtiges zu kalibrierendes Prüfmittel.

Ausbildung: Hier zeigen wir Ihnen, wie Sie Prüfmittel sinnvoll kalibirieren.

DER LINK ZUM EICHGESETZ
Das Eichgesetz finden Sie unter bundesrecht.juris.de/eichg/index.html Unter §2 „Eichpflicht und andere Maßnahmen zur Gewährleistung der Messsicherheit“ ist geregelt, welche Prüfmittel Sie ggf. eichen müssen.

WAS NUN – SIND PRÜFMITTEL ZU EICHEN ODER ZU KALIBRIEREN?

Grundsätzlich gilt: Für die gesetzlich festgelegten Anwendungsbereiche und Messgerätearten liegt die Entscheidung, ob ein Prüfmittel kalibriert oder geeicht wird, nicht beim Anwender. Das Eichgesetz regelt eindeutig, welche Messgeräte im gewerblichen Verkehr und anderen Bereichen zugelassen und geeicht sein müssen. Der Prozess der Eichung wird ausschließlich von staatlich anerkannten Prüfstellen durchgeführt. Verstöße gegen das Eichgesetz werden als Ordnungswidrigkeiten (§ 19 EichG) mit Bußgeldern geahndet. Natürlich können Sie über die Forderungen des Eichgesetzes hinaus zusätzlich eine Kalibrierung in kürzeren Abständen durchführen, z.B. wenn dies vom Kunden verlangt wird. Deshalb kann eine Prüfeinrichtung geeicht sein und zwischendurch kalibriert werden. Die Verantwortung dafür, liegt wie immer beim Anwender.

- bei Bedarf justiert oder nachjustiert werden,

- gekennzeichnet sind, damit der Kalibrierstatus für den Nutzer erkennbar ist,

- gegen Verstellungen gesichert werden, die das Messergebnis ungültig machen würden,

- vor Beschädigung und Verschlechterung während der Handhabung, Instandhaltung und Lagerung geschützt werden.

ANHAND DIESER KRITERIEN LEGEN SIE DEN KALIBRIERZYKLUS FEST

Ein Regelwerk, das Sie für neue Prüfmittel bei der Festlegung des „Startintervalls” unterstützt, ist die ISO 10012, Teil 1. Diese Norm spricht von angemessenen, in der Regel periodischen Zeitintervallen, die auf der Grundlage ihrer Messbeständigkeit, ihres Zwecks und ihrer Verwendungsart festgelegt werden sollen. Ein wichtiges Kriterium ist die so genannte „technische Intuition”, gewonnen durch die Erfahrung des Anwenders, Empfehlungen des Herstellers, Umfang und Ausmaß des Einsatzes, dem Einfluss der Umgebung und der angestrebten Messgenauigkeit. Dabei ist zwangsläufig ein Kompromiss zwischen dem Risiko einer Fehlmessung und den Kosten der Prüfmittelüberwachung zu finden. Liegt nun ein Prüfmittel bei der regelmäßigen Kalibrierung innerhalb seiner Spezifikationsgrenzen, werden die Ergebnisse in die „Überwachungskurve” übernommen. Ein Eingriff am Prüfmittel ist ggf. noch nicht notwendig. Wichtig ist jedoch die Veränderung der Genauigkeit des Prüfmittels zu erfassen. Mit dieser Kurve kann dann nach einigen Kalibriervorgängen mittels Extrapolation die Sinnhaftigkeit des festgelegten Erstintervalls bewertet werden.

FESTLEGUNG DER KALIBRIERPROZESSE FÜR IHRE PRÜFMITTELt195_pruefmittelmanagement

Die DIN EN ISO 9001 enthält keine Vorgabe, ob die Organisation ihre Prüfmittel selbst kalibrieren sollte oder diesen Vorgang durch ein Kalibrierlabor durchführen lassen sollte. Eines fordert die Norm auf jeden Fall: Dokumente zur wirksamen Leitung und Lenkung der Prozesse. Dies gilt somit auch für den Prozess der Kalibrierung. In einem Vorgabedokument für den Kalibrierablauf sollten Sie deshalb folgende Punkte beschreiben:

- Wie die Rückführung der verwendeten Messeinrichtungen auf ein nationales Normal gegeben ist.

- Die notwendigen sicherzustellenden Umgebungsbedingungen für die Kalibrierung.

- Im Rahmen des Kalibrierverfahrens Vorgaben zu

- der Kalibrierfähigkeit,

- dem Kalibrierumfang am Prüfmittel,

- dem konkreten Kalibrierablauf.

- Handlungsanweisung zu Korrekturmaßnahmen bei eventuellen Toleranzüberschreitungen.qm_0410_s5_1

- Vorgaben zur Ermittlung und Angabe der zu berücksichtigenden Messunsicherheit.

- Vorgaben zur Kennzeichnung des Kalibrierstatus.

- Festlegungen im Zusammenhang mit der

REALISIEREN SIE DIE RÜCKVERFOLGUNG ZUM PRÜFMITTEL
Laut Kapitel 7.5.3 der DIN EN ISO 9001 muss eine Organisation ermitteln, ob eine Rückverfolgbarkeit gefordert wird. Im Falle der Prüfmittel, muss diese Frage mit „ja“ beantwortet werden. Denn nur so kann im Falle eines „dejustierten“ Prüfmittels, die Bewertung der vorherigen vorgenommenen Messungen realisiert werden. Sie sollten auf Ihren Prüfprotokollen deshalb grundsätzlich die Prüfmittel-Nummer vermerken.

Dokumentation der Kalibrierergebnisse. Durch den zunehmenden Einsatz von Rechnersystemen als Bestandteil moderner Prüfeinrichtungen wird die Prüfsoftware zu einem gesondert zu betrachtenden Kriterium. Für Prüfsoftware ist ggf. eine dokumentierte Bestätigung erforderlich, dass die spezifischen Prüfaufgaben tatsächlich erfüllbar sind. Es handelt sich dabei um einen Fähigkeitsnachweis durch eine Validierung. Damit die Eignung für den Gebrauch auch bei Veränderungen der Software aufrecht erhalten wird, empfiehlt die DIN EN ISO 9001 seit der Revision 2008 ein Software- Konfigurationsmanagement.

DAS MÜSSEN SIE BEI EINEM KALIBRIERERGEBNIS „N.I.O” BEACHTEN

Werden die zulässigen Toleranzgrenzen für das Prüfmittel überschritten, ist natürlich eine Justage bzw. ein Abgleich notwendig. Für diesen Fall wird lt. DIN EN ISO 9001 folgender Ablauf gefordert: Damit die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen der letzten Tage oder Wochen bewertet werden können, sind die Kalibrierwerte vor der Justage erforderlich. Auf Grund dieser Werte muss entschieden werden, ob weitere Korrekturmaßnahmen erforderlich sind:

- Müssen im Prozess befindliche Produkte

nochmals geprüft werden?

- Müssen Produkte aus dem Auslieferungslager

geholt und geprüft werden?

- Müssen Kunden informiert werden?

- Muss eine Rückrufaktion erfolgen?

- …

Ihr Reinhold Kaim

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Der Autor

Name: Reinhold Kaim

Bio: Reinhold Kaim ist EOQ Quality Auditor, Umwelt Auditor und Fachkraft für Arbeitssicherheit. Er ist seit vielen Jahren als Trainer, Unternehmensberater im Produktions- und Dienstleistungsumfeld und als QM-Auditor tätig. Seit 2001 führt er Trainings und Beratungsaufträge für die VOREST AG durch.