PROZESSLANDKARTE / PROZESSLANDSCHAFT IM SINNE DER ISO 9001 : 2008

Von Reinhold Kaim

Die ergänzte Process Map – so legen Sie die für Ihr QM-System erforderlichen Prozesse auch im Sinne der neuen ISO 9001:2008 fest.

Was viele Organisationen überraschte: Die Revision der ISO 9001:2008 enthält keine neuen Forderungen, sondern „nur” Klarstellungen. Es war förmlich zu hören, wie das Aufatmen Prozessmanagement Toolpaketdurch die Lande ging. Im Zusammenhang mit den allgemeinen Anforderungen an ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 wurde die Anforderung im Kapitel 4.1 a) – die erforderlichen Prozesse und ihre Anwendung in der Organisation zu erkennen – nun so konkretisiert, dass allein ein vages „Erkennen” nicht genügt. Die Klarstellung, dass die Prozesse „festgelegt” werden müssen, wobei das „Festlegen” von Anforderungen nach ISO 9000:2005 beispielsweise in einem Dokument stattfinden sollte, vereitelt die Vorgehensweise so mancher Organisation, den Ball möglichst flach zu halten und das Qualitätsmanagementsystem mit Minimalaufwand als „Show for Customers” zu betreiben. Nutzen Sie diese Ausführung und ermitteln Sie, ob Ihre derzeitige Prozesslandkarte auch zur neuen ISO 9001:2008 konform ist.

Ausbildung: Hier zeigen wir Ihnen, wie Sie eine Prozesslandkarte in der Produktion oder im Dienstleistungssektor erstellen.

DER GROßE SCHRITT ZUM PROZESSMANAGEMENT

Wer noch mit der Revision DIN EN ISO 9001:1994 arbeiten musste, der wird den großen Schritt zur Prozessorientierung als einen der wesentlichsten Merkmale der Weiterentwicklung der ISO 9000-Reihe erlebt haben. Deshalb wird dem prozessorientierten Ansatz in der Norm an prominenter Stelle im Kapitel 0.2 viel Aufmerksamkeit gewidmet. Dass Prozessorientierung nur möglich ist, wenn die Prozesse im gesamten Qualitätsmanagementsystem erkannt, verwirklicht, überwacht, gemessen und im Bedarfsfall verbessert werden, liegt auf der Hand. Leider lautet die Strategie einiger nach ISO 9001 zertifizierter Organisationen, ein QM-System nur deshalb zu betreiben, um den Lieferantenstatus nicht zu verlieren. Damit einher geht die Motivation, nur das Nötigste zu tun, d.h. die Forderungen der Norm minimalistisch zu interpretieren.


D
IE MINIMALFORDERUNGEN DER ISO 9001:2000 FÜR DAS PROZESSMANAGEMENT

Für Zertifizierungsgesellschaften tätige, also externe Auditoren, sind wirklich nicht zu beneiden, wenn diese in einer, wie vorher beschriebenen Organisation, ein Audit durchführen müssen. Mit der Intention, der Organisation Hinweise zur Weiterentwicklung zu bieten, finden sich die Auditoren immer wieder in unerfreuliche Diskussionen verstrickt, ob die Norm gewisse (eigentlich sinnvolle) Aspekte des  Prozessmanagements nun explizit fordert. Was ist nun das eigentliche Muss im Prozessmanagement, worauf sich der Auditor nach ISO 9001:2000 berufen kann?

- Die für das QM-System erforderlichen Prozesse sind zu erkennen. – Ein Erkennen läge bereits vor, wenn diese im Gespräch benannt werden.
- Sechs Prozesse sind als Verfahren zu beschreiben. –
Diese Anforderung ist unter 4.2.1. c) eindeutig inhaltlich definiert.
- Abfolge und Wechselwirkungen der Prozesse sind festzulegen. – Für die dokumentierten Prozesse könnte dies minimalistisch mit einer Tabelle und Hinweisen auf andere mitgeltende Prozesse realisiert werden.
- Erstellung sonstiger, zur Lenkung der Prozesse notwendiger Dokumente. – Eine Notwendigkeit ist häufig erst dann nachweisbar, wenn Probleme bereits aufgetreten sind. Leider ist dies nicht im Sinne der Prävention.
- Die Prozesse sind zu überwachen und zu messen. – Wo kaum Prozesse dokumentiert sind, ist auch wenig Überwachung und Messung möglich. Korrekturmaßnahmen fordert die Norm nur für produktrelevante Prozesse.

Einstieg QualitätsmanagementDIE AUFGABE DER ISO LAUTETE: BESEITIGUNG DER UNKLARHEITEN

In bestimmten Branchen, wie z.B. im Automobilbereich wurden bereits kurz nach dem Erscheinen der ISO 9001:2000 erkannte Unzulänglichkeiten der Norm durch Ergänzungen konkretisiert. So wurde in der ISO TS/16949:2002 bereits klarstellend darauf hingewiesen, dass die Sicherstellung der Lenkung eines ausgegliederten Prozesses die Organisation nicht von der Verantwortung für die Erfüllung aller Kundenanforderungen befreit. Diese Klarheit, erweitert um die gesetzlichen und behördlichen Anforderungen, bietet nun auch die DIN EN ISO 9001:2008. Auch in Bezug auf die Verdeutlichung der Notwendigkeit bestimmter Unterstützungsprozesse war die ISO TS/16949:2002 klarer. Beispiele für Prozesse, die den Kategorien Führungs-, Kern- oder Unterstützungsprozesse zugeordnet werden sollten, finden Sie in der Grafik am Ende meiner Ausführung.

QSV – DIE LENKUNGSMETHODE FÜR AUSGEGLIEDERTE PROZESSE

Was viele Organisationen, die Fertigungsaufträge an so genannte verlängerte Werkbänke weitergeben, bereits zur Lenkung der Prozesse nutzen, wird nun ggf. auch weitere Organisationen betreffen, der Abschluss von Qualitätssicherungsvereinbarungen (QSV). Eine QSV ist die Vereinbarung einer Anzahl

von qualitätssichernden Maßnahmen, um ein klares Abstecken von Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten zwischen Lieferant und Besteller festzulegen, sowie das Entstehen von Fehlern zu verhindern. Wie eine QSV im einzelnen zu formulieren ist, wurde gesetzlich nicht geregelt. Im Sinne der ISO 9001:2008 sollte immer individuell festgelegt werden, wie das Ausmaß von qualitätssichernden Aktivitäten zwischen Kunde und Lieferant aufzuteilen ist. Trotzdem sollten Sie natürlich darauf achten, dass eine QSV gewisse Mindestinhalte der qualitätssichernden Verfahren und Maßnahmen beschreibt und regelt.

Bis bald, Reinhold Kaim

qualitymoves_0109_31_neu

Tags: , , , , , , , ,

2 Responses to “PROZESSLANDKARTE / PROZESSLANDSCHAFT IM SINNE DER ISO 9001 : 2008”

  1. Heidemarie Gutzeit

    Sehr geehrter Herr Keim,

    mir gefallen Ihre Artikel sehr gut, kurz, prägnant!
    Vielleicht darf ich hier eine Frage stellen, grundsätzlicher Art.

    Es geht um die Erstellung bzw Erneuerung des QMH nach ISO9001:2009.
    - Maschinenbauunternehmen, alle Bereiche an einem Standort in D
    - ca 220 Mitarbeiter
    - vorhanden: QMH 9001:2002; wird jetzt auf prozessorientiert ISO9001:2008 erneuert
    - ein Bereich des Unternehmens legt ein QMH nach ISO/TS16949:2009 im Entwurf vor, aufgrund von automotive Kundenforderungen

    daraus ergibt sich die Frage:
    - können die beiden QMH´s im Unternehmen existieren ?
    - ist es machbar und sinnvoll beide QMH´s in ein Handbuch zusammenzufassen ?

    bisher habe/kenne ich folgende Argumente:
    - ein Standort eines Unternehmens sollte nach einer Norm zertifiziert werden (?)
    - Ausschlüsse sind möglich (??)

    die Aussage eines Auditors (bei dem war ich in Weiterbildung):
    - in der Praxis ist es üblich, bei kleinen und mittelständischen, vor allem in Maschinenbauunternehmen,
    die begrenzte automotive Kontakte haben, so zu verfahren, wie oben….einzelne Bereiche auf ISO/TS anzuheben
    und
    dieses im QMH, vorn, im Geltungsbereich klar auszuweisen
    und
    die erweiterten Forderungen für den Bereich deutlich kennzeichnen

    Darf ich Ihre ansicht zur Verfahrensweise lesen ?
    Vielen Dank
    und beste Grüße
    Heidi Gutzeit

    #443
  2. Reinhold Kaim

    Sehr geehrte Frau Gutzeit,

    zur ersten Frage:
    - können die beiden QMH´s im Unternehmen existieren ?
    - ist es machbar und sinnvoll beide QMH´s in ein Handbuch zusammenzufassen ?

    Ich würde mich daran orientieren, inwieweit der Bereich/Standort, der bisher bereits nach ISO 9001 zertifiziert ist, mit dem Bereich/Standort der nun nach ISO/TS16949 zertifiziert werden soll, verzahnt ist.

    Haben beide Bereiche/Standorte wenig miteinander zu tun, sind auch zwei Handbücher denkbar.

    Sind die beiden Bereiche/Standorte jedoch so verzahnt, dass diese den bisherigen Kundenbereich als auch den neuen Automotivebereich beliefern, würde ich grundsätzlich nur ein Handbuch erstellen.

    Zur zweiten Frage:
    bisher habe/kenne ich folgende Argumente:
    - ein Standort eines Unternehmens sollte nach einer Norm zertifiziert werden (?)
    - Ausschlüsse sind möglich (??)

    Eine Organisation kann jederzeit mehrere Zertifikate mit definierten Anwendungsbereichen führen. So kann zum Beispiel die Gesamtorganisation nach ISO 9001 zertifiziert sein und nur ein (abgrenzbarer!)Teil davon nach ISO/TS16949.
    Ausschlüsse spielen eine andere Rolle. Hier geht es darum Tätigkeiten aus dem Abschnitt 7 der Normen auszuschließen, die eine Organisation ggf. nicht durchführt (z.B. Entwicklung).

    Zur dritten Frage:
    - in der Praxis ist es üblich, bei kleinen und mittelständischen, vor allem in Maschinenbauunternehmen, die begrenzte automotive Kontakte haben, so zu verfahren, wie oben….einzelne Bereiche auf ISO/TS anzuheben und dieses im QMH, vorn, im Geltungsbereich klar auszuweisen und die erweiterten Forderungen für den Bereich deutlich kennzeichnen.

    Dies wäre auch meine Ideallösung, für den Fall, dass die betreffenden Bereiche/Standorte stark verzahnt sind.

    Dies hat unter anderem weitere Vorteile:
    - Sie können den Automotivebereich schneller erweitern.
    - Die Lenkung eines Handbuchs ist einfacher als die Lenkung von zwei Handbüchern.
    - Versetzte MA finden sich schneller zurecht.
    - ….

    Viele Grüße

    Reinhold Kaim
    Trainer, Unternehmensberater,
    EOQ-Qualitätsauditor, EOQ-Auditor Umwelt

    #452

Einen Kommentar schreiben

Einstiegslehrgänge zu Qualitätsmanagement, SIX SIGMA und mehr

Der Autor

Name: Reinhold Kaim

Bio: Reinhold Kaim ist EOQ Quality Auditor, Umwelt Auditor und Fachkraft für Arbeitssicherheit. Er ist seit vielen Jahren als Trainer, Unternehmensberater im Produktions- und Dienstleistungsumfeld und als QM-Auditor tätig. Seit 2001 führt er Trainings und Beratungsaufträge für die VOREST AG durch.

Förderung Weiterbildung