Lebensmittelsicherheit, HACCP, IFS, BRC & FSSC

Food Fraud – Dies beinhalten die neuen Leitfäden aus den Lebensmittelstandards FSSC 22000 und IFS

Food Fraud Leitfaeden_BannerDas Thema Food Fraud nimmt schon seit einiger Zeit einen wichtigen Platz in der Lebensmittelsicherheit ein. Anforderungen zu Food Fraud sind bereits seit 2014 in den Lebensmittelsicherheitsstandards zu finden, damit auch Lebensmittelverarbeiter in ihrem Einflussbereich innerhalb der Lebensmittelkette gegen Lebensmittelbetrug vorgehen können. Mittlerweile sind zwei neue Leitfäden zum Thema Food Fraud erschienen, über die wir Sie gerne auf dem Laufenden halten möchten. Sowohl der FSSC 22000 als auch der IFS geben in ihren aktuellen Leitfäden konkrete Hinweise, wie ein Food Fraud-System umgesetzt werden kann. Noch einmal zur Erinnerung: In allen IFS-Zertifizierungsaudits ab 01. Juli 2018 werden die Anforderungen des Kapitels Food Fraud obligatorisch auditiert und bewertet. Was die Leitfäden beinhalten und wie Sie diese in Ihrem Food Fraud-System anwenden erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Weitere informative Beiträge zum Thema Lebensmittelsicherheit:

(1) Der FSSC 22000 unter der Lupe – Die Anforderungen des FSSC 22000 im Vergleich zu anderen GFSI anerkannten Standards
(2) Der FSSC 22000 Standard – Dies sind die Anforderungen für eine erfolgreiche Zertifizierung
(3) Die Food Fraud Schwachstellenanalyse – ein Baustein auf Ihrem Weg zum Plan gegen den Lebensmittelbetrug
(4) IFS Food Version 6.1 – wir zeigen Ihnen, welche Änderungen der überarbeitete IFS Food Standard mit sich bringt


Dies beinhaltet der Food Fraud Leitfaden des FSSC 22000

Nachdem in der aktuellen Version des FSSC 22000, die bereits seit 01. Januar 2018 auditiert wird, konkrete Anforderungen zu Food Fraud enthalten sind, hat der FSSC nun auch einen Leitfaden veröffentlicht. Es werden zunächst drei Gründe aufgeführt, warum ein Lebensmittelbetrugs-Vermeidungs-System umgesetzt werden soll:

  • Zur Ausschaltung direkter Risiken für den Verbraucher durch Lebensmittelbetrug (z. B. Melamin als Eiweißersatz, Verschnittene allergenhaltige Produkte).
  • Zur Vermeidung von indirekten Risiken (Der Verbraucher wird durch langfristige Exposition gefährdet, z. B. hohe Mengen an Schwermetallen).
  • Zur Vermeidung von Betrugsrisiken, bei denen es zu keiner Schädigung des Verbrauchers kommt, aber ein Betrug mit wirtschaftlichem Risiko für den Herstellerbetrieb vorliegt (z. B. falsche Herkunftsbezeichnung).

 

Folgendes Schaubild verdeutlicht die Abgrenzung von Food Fraud gegenüber anderen Systemen zum Schutz der Lebensmittel:

Abgrenzung Food Fraud gegenueber HACCP und Food Defense_2

 

Zur Umsetzung eines betrieblichen Systems zur Vermeidung von Lebensmittelbetrug sieht der FSSC 22000 5 Schritte vor:

5 Schritte FSSC 22000_Food Fraud

Es wird auf die Vorgaben der GFSI hingewiesen, nach denen folgende Betrugsfaktoren berücksichtigt werden sollen:

  • Substitution (Austausch)
  • Nicht genehmigte Prozesse
  • Falsche Deklaration
  • Fälschungen
  • Diebstahl
  • Andere

Es wird noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in die Betrachtung alle beschafften Produkte (Rohwaren, Zutaten, Verpackungsmaterialien) bis hin zum fertigen Produkt (Zwischenprodukte) einbezogen werden sollen.

Hinweis:
Anders als bei IFS steht diese Vorgabe (ALLE) im FSSC 22000 nicht in den Anforderungen direkt, sondern im Leitfaden. Damit müssten auch Clusterbildung oder Vorabschaltungen von Entscheidungsbäumen hier zugelassen werden.

Als Kriterien für eine Schwachstellenanalyse werden vom FSSC 22000 unter anderem angegeben:

  • Ökonomische Verwundbarkeit (Wie wirtschaftlich attraktiv ist Betrug?)
  • Historische Daten (Was ist bisher passiert?)
  • Erkennbarkeit (z.B. wie leicht ist Betrug zu erkennen? Gibt es routinemäßiges Screening?)
  • Zugang zu Rohstoffen, Verpackungsmaterialien und Fertigprodukten in der Lieferkette
  • Beziehung mit dem Lieferanten (z.B. lange Beziehung oder Spot-Kauf)
  • Zertifizierung durch ein unabhängiges spezifisches Kontrollsystem inkl. Betrug und Authentizität
  • Komplexität der Lieferkette (z.B. Länge der Lieferkette, Herkunft, wo wird das Produkt wesentlich verändert/ verarbeitet?)

Der FSSC sagt ausdrücklich, dass die Liste der Bewertungskriterien auch erweitert werden kann, wenn es vom Unternehmen als sinnvoll erachtet wird. Eine Vorgabe, wie genau eine Bewertung durchgeführt werden soll, gibt es beim FSSC derzeit nicht.


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In unserer Food Fraud Ausbildung informieren wir Sie über die Beweggründe zum Lebensmittelbetrug. Erfahren Sie, wie Sie sich wirkungsvoll gegen Lebensmittelbetrug in Deutschland schützen.


Dies beinhaltet der Food Fraud Leitfaden des IFS ISO 22000

Auch vom IFS ist im Juni 2018 einen Leitfaden zum Thema Food Fraud herausgebracht worden. Dieser Leitfaden ist als Unterstützung der Standards IFS Food 6.1 und IFS PACsecure 1.1 gedacht. Deshalb wird hier nicht von Food Fraud sondern von Product Fraud (Produkt-Betrug) gesprochen.

Der IFS geht von einem 5-Stufen-Umsetzungsplan aus, den die Unternehmen umsetzen sollen. Dabei ist dem Ganzen die Installation eines Food Fraud Teams vorangeschaltet. Dieses Team kann je nach Fragestellung variieren, sollte aber folgende Fachleute enthalten:

  • Technisches Management,
  • Analytiker,
  • Verpackungstechnologen,
  • Einkäufer und Logistik/Supply ChainManagement,
  • Qualitätsmanagement.

Um ein effektives System zur Vermeidung von Lebensmittelbetrug umzusetzen, ist zunächst eine umfangreiche Sammlung von Informationen und Daten notwendig. Der IFS gibt in seinem Leitfaden nützliche Hilfestellungen, wie und wo sich die Verantwortlichen diese Informationen einholen können:

Allgemeines

  • Blogs
  • Medien
  • Fachverbände
  • Forschungsverbünde
  • Industrienetzwerk und persönliches Networking

Spezifische Informationen

  • EU-RASFF-Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel
  • EFSA-Europäische Behörde für Lebensmittelstandards
  • Zuständige nationale Behörden – Produktrückrufwarnungen
  • Zuständige nationale Behörden – Änderungen der Rechtsvorschriften und Leitlinien
  • Kommerzielle Dienstleister für Datenbanken und Beratung zu Bedrohungen
  • Lebensmittelbetrugs-Datenbanken
  • Informationen von Prüflaboren
  • Kommerzielle Fachpresse – Rohstoffpreisschwankungen
  • Kommerzielle Fachpresse – Ernteinformationen
  • Länderrisikoklassifizierung – Amfori-BSCI
  • Korruptionsindex – Transparency International



Der IFS Leitfaden stellt ganz konkrete Bewertungsvorgaben

Anders als der FSSC stellt der IFS ganz konkrete Vorgaben zur Bewertung der Schwachstellenanalyse vor. Es wird allerdings ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch abweichende eigene Systeme umgesetzt werden können. Die vorgeschlagene Bewertungsmatrix hatten wir Ihnen bereits in unserem Beitrag „Die Food Fraud Schwachstellenanalyse“ vorgestellt. In dieser Matrix werden die beiden Hauptkriterien Auftretenswahrscheinlichkeit und Entdeckungswahrscheinlichkeit bewertet. Bisher war allerdings nicht deutlich, was hinter diesen Kriterien steckt. Das hat der IFS nun geändert und konkretisiert.


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Fragestellungen zu den Kriterien der Auftretens- und Entdeckungswahrscheinlichkeit von Risiken im Lebensmittelbetrug

Die Auftretenswahrscheinlichkeit setzt sich aus drei Unterkriterien zusammen:

  • Historie von Produktbetrugsfällen
  • Wirtschaftliche Faktoren
  • Leichtigkeit von Betrugsaktivitäten

Diese wiederum sollen die folgenden Fragen beantworten:

Risikofaktoren Zu berücksichtigende Kriterien
 Historie von Produktbetrugsfällen
  •  Anzahl, Art und Häufigkeit des Betrugs im Verhältnis zum Produkt
 Wirtschaftliche Faktoren
  • Preis (Rentabilität des Produkts, z.B. Gewinnspanne und Menge)
  • Verfügbarkeit des Produkts (Saisonalität, Verringerung der Quantität/Qualität, hohe Verbrauchernachfrage, Quote)
  • Verfügbarkeit von Verfälschungsmaterialien (Menge, Preis, Art des Verfälschungsmaterials)
  • Steuern (erhöhte oder schwankende staatliche Steuern, die sich auf den Preis auswirken und Verfügbarkeit)
  • Preisschwankungen (Saisonalität, reduzierte Quantität/Qualität, hoheVerbrauchernachfrage, Quoten, Preisfestsetzungsmechanismen)
 Leichtigkeit von Betrugsaktivitäten
  • Physische Beschaffenheit des Produkts (Flüssigkeit, Pulver, Hackgut,ganze Produkte)
  • Kosten und Komplexität betrügerischer Prozesse (Standort, Verarbeitung, Maschinen, Produktionskosten, Verpackungskosten, Vertriebskosten)
  • Beteiligung des Personals an der betrügerischen Aktivität (Anzahl, Leichtigkeit der Verschleierung, Anzahl der Standorte)
  • Verpackungsformate (Verpackung von Rohmaterial und Verfälschungsmaterialien)

Die Entdeckungswahrscheinlichkeit setzt sich aus zwei Kriterien zusammen:

  • Komplexität der Lieferkette
  • Vorhandene Maßnahmen, um Betrug zu erkennen

Dahinter stecken folgende einzelne Fragestellungen:

Risikofaktoren Zu berücksichtigende Kriterien
Komplexität der Lieferkette
  • Geographische Herkunft (Ort der Herstellung und Länge der Lieferkette)
  • Arten und Anzahl der Organisationen in der Lieferkette (Herstellung, Lagerung, Vertrieb, Agent oder Broker)
  • Anzahl der Herstellstandorte innerhalb der Lieferantenorganisation
Vorhandene Maßnahmen, um Betrug zu erkennen
  • Prüfbehörde (Zertifizierungsstellen, Prüfstelle, Prüflabore und Status (akkreditiert/nicht akkreditiert), Prüforgane und Status
  • Prüfmethodik (akkreditiert/nicht akkreditiert analytisch), Auditierung (zertifiziert/nicht zertifiziert), Produktinspektionen, Produktprüfstelle und Status
  • Prüffrequenz (Auditierung, Produktinspektionen, Produkttests)
  • Testkosten (Produktprüfung, Analysen, Testkomplexität)

So bewerten Sie die Kriterien mit der Schwachstellenanaylse-Matrix

Sie sollen nun für alle Produkte (Rohmaterialien, Zusatzstoffe, Verpackungsmaterialien und ausgelagerte Prozesse) die einzelnen Kriterien bewerten. Es wird dann nicht multipliziert oder addiert, sondern die höchste vergebene Zahl wird als Gesamtzahl gewertet. In folgender Grafik wurde die Auftretens- und Entdeckungswahrscheinlichkeit am Bespiel „natives Olivenöl“ errechnet.

Auftretens- und Entdeckungswahrscheinlichkeit_Food Fraud_2

In dem gezeigten Beispiel wäre das Produktrisiko mit 5 x 3 = 15 zu bewerten (siehe Matrix). Zusätzlich soll nun das Risiko des Lieferanten bewertet werden. Hier sind folgende Kriterien genannt:

  • Wirtschaftliche Stabilität
  • Vergangenheit
  • Wirtschaftliche Beziehungen
  • Technische Beziehungen
  • Technische Regeltreue (Compliance)
  • Herkunftsland
  • Landes- und Geschäftsethik

Am Ende wird dann die Risikozahl des Produktes (in unserem Beispiel 15) multipliziert mit der des Lieferanten (z. B. 15 x 3 = 45). Anhand dieser Bewertung soll nun das Food Fraud Team entscheiden, ob und welche Maßnahmen zur Verringerung des Betrugsrisikos umgesetzt werden sollen. Die weitere Vorgehensweise zur Erarbeitung eines Plans zur Verminderung des Betrugs können Sie dem Beitrag „Die Food Fraud Schwachstellenanalyse“ entnehmen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und gutes Gelingen!
Ihre Ute Wedding


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